In letzter Zeit scheint die Erde besonders häufig zu beben. Ist das wirklich so, nehmen Erdbeben tatsächlich zu? Oder ist das nur ein subjektiver Eindruck?
Rappelt es wirklich öfters in der Erde oder kommt es einem nur so vor, weil man mehr darauf achtet, sich mehr für Erdbeben interessiert, weil mehr in der Presse darüber berichtet wird?
Frei nach dem Motto “Trau keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast” habe ich mir mal die Mühe gemacht und mir die frei verfügbaren Erdbebendaten genauer angeschaut. Und erstaunliches dabei herausgefunden…
Die einen sehen schon das Ende der Welt herannahmen, andere bekommen einen verständnislosen Lachanfall, wenn man nur die Vermutung äußert, daß die Erdbebenaktivitäten zunehmen.
Was also tun, wenn man es genau wissen will? Das schlaue Internet befragen? Auch hier gibt es unterschiedliche Aussagen und unterschiedliche Statistiken zu diesem Thema. Nichts hilfreiches also.
Aber wozu ist man eigentlich ein Datenbänker und Programmierer? Auswerten von Daten gehört hier zum täglichen Brot. Also ran an die Daten!!!
Datenquelle
Keine Auswertung, keine Statistik ohne Daten.
Nur – woher nehmen? Doch das Problem ist schnell gelöst. Es gibt das Geo-Forschungszentrum in Potsdam, kurz GFZ-Potsdam, die rund um die Uhr die Erdbebenaktivitäten in der ganzen Welt überwachen und aufzeichnen. Das Geofon bietet auf der Homepage http://geofon.gfz-potsdam.de/geofon/ die Möglichkeit Erdbebendaten abzufragen.
So konnte ich Informationen zu insgesamt 24.418 Erdbeben in meine Datenbank einlesen. Sie umfassen einen Zeitraum vom 09.10.2003 bis 26.03.2010 (dem Tag der Auswertung). Das sind 2.360 Tage.
Ein Datensatz (= 1 Erdbeben) enthält folgende Informationen:
- Zeitpunkt des Bebens
- Stärke des Bebens (Magnitude)
- Geografische Koordinaten des Epizentrums
- Tiefe des Bebens in km
- Name der Region, wo das Beben statt fand
Was fehlt ist die Dauer des Erdbebens. Diese Information wäre hilfreich zur Berechnung der freigesetzten Energie – dazu später noch mehr.
Auswertung
Mein Ansatz für die Auswertung ist sicherlich ziemlich laienhaft, da mir das geologische Hintergrundwissen fehlt. Möglicherweise sind die nachfolgenden Ergebnisse auch völliger Unsinn – aber meiner Meinung nach haben diese Daten durchaus einige Aussagekraft.
Die Daten habe ich in eine MS-SQL Datenbank eingelesen und ausgewertet. Die grafische Darstellung erfolgte mit MS Excel.
Zur Auswertung kam folgende simple SQL-Abfrage zum Einsatz:
(Der Zeitpunkt des Bebens liegt als DateTime vor und muß für die Gruppierung in Date umgewandelt werden)
Anzahl der Beben
Eine erste Frage die sich stellt ist die, ob die Zahl der Beben zunimmt. Dazu wurde in obiger Abfrage einfach nach Datum gruppiert und die Anzahl der Beben pro Tag berechnet (COUNT(*) AS Anzahl). Folgende Grafik liefert Excel dazu:
Die blauen Linien sind die Einzel(Tages)daten, die orange Linie ist der gleitende Durchschnitt über 90 Tage.
Man erkennt auf den ersten Blick, daß seit 2003 die Häufigkeit der Erdbeben deutlich zugenommen hat. Waren es vor knapp 7 Jahren im Durchschnitt 3-4 Beben pro Tag so sind es heute mittlerweile bereits 17 Beben täglich! Man beachte auch die Zunahme der Beben von ca. 12 auf 17 Beben täglich allein in den letzten 3 Monaten!
Fazit: wir haben heute 5mal Erdbeben als vor 7 Jahren!
Stärke der Beben
Nimmt auch die Stärke der Beben zu? Diese wird als Magnitude angegeben. Wer genau wissen will was eine Magnitude ist, kann dies hier bei Wikipedia nachlesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Magnitude_%28Erdbeben%29)
Die obige Abfrage ermittelt mit der einfachen Funktion MAX(Mag) AS MaxMag die jeweils höchste Magnitude des jeweiligen Tages. Es berücksichtigt dabei nicht, wie oft an diesem Tag ein Beben stattfand sondern verwendet einfach das stärkste Beben des Tages.
Auch hier sind die Einzeldaten wieder in blau und der gleitende 90 Tagesdurchschnitt in orange dargestellt.
Man sieht auf den ersten Blick, daß die maximale Stärke der Beben in den letzten 7 Jahren gleich geblieben ist.
Fazit: Heutige Beben sind nicht stärker als Beben vor 7 Jahren.
Und was heißt das nun?
Die Zahl der Beben steigt, die Stärke bleibt gleich. Was heißt das nun für die gesamte Erdbebenaktivität?
Hierzu habe ich mir eine Auswertung einfallen lassen, die so sicherlich fachlich nicht korrekt ist. Ich habe ganz einfach die Magnituden pro Tag mit SUM(Mag) AS SumMag summiert.
Nun muß man wissen, daß ein Beben der Särke 5 doppelt so stark ist wie ein Beben der Stärke 4. Und ein Beben der Stärke 6 doppelt so stark wie ein Beben der Stärke 5.
Insofern ist eine einfach Summierung sicherlich falsch. Besser wäre es, die freigesetzte Energie des jeweiligen Bebens zu berechnen. Leider fehlt mir das geologische und mathematische Wissen um dies zu berechnen. Auch fehlt die Dauer des Bebens – eine wesentliche Information zur Berechnung von Energie. Aber vielleicht kann ja ein Leser einen Vorschlag zur Berechnung als Kommentar hinterlassen?
Wie auch immer: hier die summierte Magnituden pro Tag. Da die Zahl der Beben pro Tag zunimmt steigt die summierte Magnitude in den letzten Jahren an, obwohl die (maximale) Stärke der Beben gleich bleibt.
Hier sind die summierten Einzeldaten in orange und der gleitende 90 Tagesdurchschnitt in rot eingezeichnet. Es fällt auf, daß in den letzten Monaten ein erheblicher Anstieg stattgefunden hat!
War die Summe der täglichen Magnituden vor 7 Jahren noch unter 25 , so ist er zum 26.03.2010 bereits auf über 85 angestiegen!
Beachtenswert ist auch der abrupte Anstieg 2004/2005 so wie 2007.
Würde man die exponentielle Natur der Magnituden-Einheit noch mit berücksichtigen, wäre die Grafik sicherlich noch drastischer! Wenn ich mal mehr Zeit – und eine vernünftige Fomel dafür habe – werde ich evtl. weitere Auswertungen nachreichen.
Es rappelt also ganz schön in der Kiste. Der Eindruck, daß es mehr Erdbeben gibt, täuscht also nicht. Nicht die Berichterstattung nimmt zu sondern die Beben selbst.
Was das nun für uns bedeutet kann ich nicht sagen. Jeder Leser muß sich hier selbst seine Gedanken machen, seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Ich wollte nur fundiert aufzeigen, was die Daten hergeben.





es gibt auch eine neue seite, die sich mit erdbebenvoraussagen beschäftigt. sie behaupten, dass erdbeben nicht zufällig passieren sondern berechenbar sind.
Hast Du einen Link zu dieser Seite?
Schöne Arbeit, mit viel Aufwand!
LG roush
Definitiv einer der besten Artikel welchen ich in den letzten paar Monaten zu diesem Thema gelesen habe.
Kannst Du bitte noch versuchen, die zeitliche Entwicklung der Verteilung entlang des Längengrads und entlang des Breitengrads herauszufinden?
Hat die Zunahme eine spezielle Lokalisierung?
Die Zahl der Beben kann dadurch ansteigen, dass es mehr Messstationen gibt, die an dem Netzwerk teilnehmen.
Das könnte man ggf. herausfinden, wenn man die Zunahme der Beben nach der Erdbebenstärle aufteilt… grössere Erdbeben sollten hierbei nicht zunehmen. Eine weiterer Graph, der hierbei sinnvoll sein könnte, ist die zeitliche Entwicklung der durchschnittlichen Erdbebenstärke…
Wenn Du keine Lust dazu hast, dann verrate bitte, wie Du die Daten nach SQL konvertiert hast.
Danke!
Die Daten findest Du hier:
http://hummelflug.wordpress.com/2010/04/11/erdbeben-update/
[...] Juni 2010 von hummelflug Wie schon im Beitrag „Erdbeben nehmen zu“ beschrieben, nimmt die Anzahl der Erdbeben in den letzten Jahren stetig [...]
Meine Freundin hat im September das Erdbeben in Christchurch Neuseeland miterlebt. Als ich davon gehört habe, war ich sehr erschrocken. Sie erzählte mir aber, dass es dort öfters bebt und man oft davon nichts mitbekommt. Das unterstreicht natürlich hier deine Aussage, dass die Erde öfters bebt als man glaubt.
Hallo,
vielen Dank für die Analyse. Das wollte ich auch gerade mal machen – kann ich mir ja jetzt sparen.
Zwei kleine Hinweise zu dieser Textstelle: “Beben der Särke 5 doppelt so stark ist wie ein Beben der Stärke 4″
1) Kollege Tippfehler lässt Grüßen: “Särke”
2) Die Richter-Skala ist logarithmisch. Aber nicht zur Basis 2 (wie Du es beschrieben hast), sondern zur Basis 10. Daraus folgt, daß ein Fünfer-Beben 10 mal stärker ist, als ein Vierer-Beben.
MfG
Holzmichel
Sehr interessant!
Allerdings bin ich skeptisch was die tatsächliche Zunahme angeht. Eine gute Quelle für statistische Daten ist auch das US Geologicl Survey (www.usgs.gov). Zum Thema Zunahme heisst es dort folgendes: http://earthquake.usgs.gov/learn/faq/?faqID=110
Eine weitergefasste Analyse gefiltert z.B. nach Erdbeben ab Mag 5 der letzten Hundert oder Zweihundert Jahre würde mich interessieren. Dies würde die Kleinbeben auschliessen die ja zweifellos heute viel umfassender erfasst werden als noch vor 50 Jahren.
Gruß
K. Weiss
Ist ein Erdbeben der Magnitude 9 auf der Richter-Skala DOPPELT so stark wie eines der Magnitude 8, oder 33 MAL so stark?
(Auf dieser Seite lese ich die erstgenannte Interpretation, im Internet allerdings auch häufig die Zweitgenannte).
Dies klarzustellen wäre wichtig um z.B. ermessen zu können, wie stark sich die japanischen AKW-Betreiber in Fukushima vertan haben.
… hier noch eine weitere Berechnungsmethode, die den Faktor 10 (statt 2 oder 33) benennt, um den Unterschied zwischen zwei ganzzahligen Magnituden der Richterskala zu beschreiben:
Die Richter-Skala ist nicht linear sondern logarithmisch zur Basis 10: Die jeweils nächst höhere Stufe entspricht einer 10-mal größeren Erdbebenstärke: ein Beben der Stufe 4 z.B. ist 10/100/1000 mal so stark wie ein Beben der Stufe 3/2/1.
Quelle(n):
http://www.agenda21-treffpunkt.de/lexiko…
siehe
http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20100113062038AA4jUcN
…
und wenn wir DIESE Frage geklärt haben, dann bitte anschliessend, wie es sich mit den Einheiten der radioaktiven Strahlenbelastung verhält, hahaha
… NACHTRAG:
Den Faktor 33 fand ich z.B. hier bei Wiki:
http://de.wikipedia.org/wiki/Momenten-Magnituden-Skala
“Um zwei Beben hinsichtlich ihrer Stärke (d.h. der abgegebenen seismischen Energie) zu vergleichen, ist zu beachten, dass es sich um eine logarithmische Skala handelt, die Erdbebenstärke somit exponentiell mit dem Skalenwert wächst. So ist ein Beben der Stärke 4 nicht doppelt, sondern 1000-fach so stark wie ein Beben der Stärke 2. “
Ich habe hier eine etwas dumme Frage:
Es wird manchmal behauptet, dass Erdbeben mit dem Auftreten von Sonneneruptionen etwas zu tun hätten. Von Ihren 24.418 Erdbeben im Zeitraum 2003 bis 2010, wieviele davon waren nachts und wieviele bei Tage? Oder anders gefragt, wie ist das Verhältnis von Nacht- zu Tagbeben?
Ich nehme an, dass Sie dies aufgrund Ihrer Daten sofort feststellen könnten.
Vielen Dank Georges Bourbaki, München
Hallo Hummelflug,
ich wollte dich fragen, wie du an die Daten gekommen bist. Ein Blick auf diese Seite (http://geofon.gfz-potsdam.de/geofon//new/arc_inf.html) hat mir leider nicht geholfen, da kein direkter Download des Archivs möglich ist…
Wäre sehr nett, da ich eine aktuelle Auswertung erstellen möchte